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Schottland - ein Reiseführer

Schottland und das Übernatürliche

Die Hexen des Macbeth und das Ungeheuer des Sees

Wenden wir uns zunächst einmal William Shakespeare zu, der war zwar kein Schotte (nobody is perfect!), ist aber ein großer Menschkenner gewesen und - so haben wir ja alle es im Englischunterricht gelernt – sowieso der Weisheit letzter Schluss. Außerdem hat er aber Macbeth geschrieben, den abergläubige Schauspieler noch immer flüsternd nur the Scottish play nennen, denn – so lehrten uns schon Blackadder und die Simpsons – jederm Theatermensch, der es wagt, das Stück beim wahren Namen zu nennen, widerfährt sonst ein böses Missgeschick.

Was also fällt uns auf wenn wir zum Reclam-Heftchen greifen und Macbeth lesen? Sicher, von allen seinen Historien ist dies Shakespeares kürzeste und gerade deshalb so beliebt bei den Schülern, aber was noch? Ihnen bestimmt einiges und auch einiges andere als mir, aber vielleicht können wir uns ja auf einen Punkt einigen? Nämlich, dass das Übersinnliche bei Macbeth so präsent ist, wie sonst im keinen Werk des Barden. Sicher, der tote Caesars wandelt auch noch mal als blutender Schweizerkäse durchs römische Zeltlager und auch der Geist von Hamlets Vater erscheint regelmäßig dann, wenn sein Sohn Gefahr läuft sich lieber auf die Couch des Therapeuten zu legen, statt sich seinen ödipalen Neigungen hinzugeben und den Onkel endlich in kleine Stücke zu zerhaken – aber Macbeth ist anders! Hier durchflutet eine Aura des Unheimlichen das ganze Stück, ist treibende Kraft, Königsmörder und Königsmacher in einer (dreigeteilten) Person. Aber viel wichtiger selbst nach 300 Jahren wirkt das Stück trotz seiner bärtigen Hexen, seinen inzwischen klischeehaften Prophezeiungen (wandelnde Wälder? – Daher hat Tolkien also seine Ents. Kein von einer Frau geborener Mann? – Hätte der arme Macbeth doch bei Caesar die Erklärung von Kaiserschnitt erfragt), seinen langweiligen Geistern (Banquos Geist sitzt immerhin nur still da, da hätte er genauso gut einfach nur tot bleiben können) nicht langweilig oder albern. Solche Versatzstücke können ganz schnell aus einer guten Geschichte einen schlimmen B-movie machen, den sich noch nicht mal der neuste Privatsender traut in den späten Abendstunden auszustrahlen. Sicher ist es zum einen Shakespeares Talent als Schreiber und sein Fokus auf menschliche Makel und Schwächen (Hand aufs Herz, so gänzlich unsympathisch ist uns Macbeth ja dann doch nicht, oder? Sicher, all das Morden und Lügen ist wahrlich nicht nett, aber balls of steele hat der Mann) , aber zum anderen ist es auch das Setting. Hexen, Geister und Prophezeiungen in Schottland, da erscheint uns das um einiges weniger absurd als anderswo.

Anders ausgedrückt: Steigt man in Deutschland in den Flieger - ein Wunderwerk der Technik, schwerer als Luft und fliegt dennoch, bringt dich in weniger als zwei Stunden nach Schottland (und dein Gepäck braucht auch nur einige Tage länger, hat dafür aber auch mehr von der Welt gesehen) – so ist man sich noch seines Weltbildes sicher: Eins und eins sind zwei und (um den armen Shakespeare nicht völlig zu vergessen) die Zukunft ist the undiscovered country. Doch wandert man nur wenige Tage später durch, sagen wir mal, die einsame Heidelandschaft von Rannoch Moore, sieht stundenlang keinen anderen Menschen und hört nur ab und so einige seltsame Geräusche, die der Nebel schon verschluckt hat bevor man sich sicher ist, was genau das bloß gewesen sein könnte, dann kann es doch sein, dass die Sicherheit beginnt zu bröckeln. Und das ist auch gut so! Denn nur so kann man Schottland lernen richtig zu verstehen. Schottland ist halt auch Melancholie und Einsamkeit, Dunkelheit der Seele und alles was dazu gehört, wenn man weiß, dass es mehr gibt als unsere Schulweisheit es uns weismachen will (so nun aber genug Shakespeare!). Mein Vater, zum Beispiel, liebte nichts mehr als sich für 6 Wochen in einen Wagen zu setzen und durch die unendlichen Weiten des amerikanischen Westen zu fahren. Wenn er dann stundenlang kein anderes Auto antraf und die einzigen Menschen mit denen er sprechen musste, die Kassierer jener Tankstellen waren, von denen wir dank Hollywood genau wissen, dass in der riesigen Eistruhe eine angehackte Hand liegen wird, um so besser. Aber Schottland? In Schottland hat er es nie mehr als drei Wochen ausgehalten (und verstehen Sie mich nicht falsch, er liebte dieses Land. Genauso wie wir, sonst würden wir ja auch nicht versuchen Ihnen eine Reise dort hin ans Herz zulegen), dann hat die Einsamkeit, eine andere Art der Einsamkeit, von seiner Seele Besitz ergriffen und er musste wieder unter Leute, brauchte Lärm und Musik, denn sonst hätte er auch angefangen, Geister zu sehen.

Also mal ganz direkt gefragt: Glauben die Schotten an Geister und so einen Blödsinn? Nein, natürlich glauben sie nicht daran! Schotten glauben an Gott (oder auch nicht). Schotten glauben daran, dass ihr Fußballverein dieses Jahr die Meisterschaft gewinnt (und sollten sie aus Glasgow kommen, stehen die Chancen gar nicht mal so schlecht). Schotten glauben (inbrünstig!) daran, dass ihr Whisky besser ist als diese irische Plörre (geben aber zu, dass sie, was Bier angeht, noch einiges von ihren keltischen Vettern lernen können). Aber an Geister und so ein Blödsinn glauben sie nicht! Warum auch, immerhin wissen sie, dass es Geister und so einen Blödsinn gibt! Das ist eine Tatsache und an Tatsachen glaubt man nicht, die weiß man!

Nehmen Sie es einfach hin, diskutieren Sie nicht, selbst wenn Sie Richard Dawkins sein sollten und Ihr Kreuzzug gegen das Irrationale Sie nach Schottland bringen sollte – vergessen Sies, hier werden sie niemanden vom festen Wissen von dem Übersinnlichen abbringen können. Versuchen Sie es auch nicht, genießen Sie es, lassen Sie sich von den Erlebnissen erzählen, tauchen Sie – wenn Sie die Seele der Schotten je verstehen wollen – in diese Welt ein. Sie werden es nicht bereuen.

Bevor wir fortfahren, lassen Sie mich bitte eines klarstellen, wir reden hier nicht über das Loch Ness Monster, das sind Geschichten für Touristen geschaffen und mit einem Zwinkern in den Augen erzählt. Ein Schotte nimmt Nessie nicht ernster als ein Bayer Geschichten über den Tazelwurm, obwohl Sie sicherlich in den richtigen Pubs nach ein, zwei Runden auch über nächtliche Begegnungen mit Seeungeheuern genug Geschichten hören werden. Nein, wovon ich hier rede ist eine schon fast erfrischender (oder zynisch ausgedrückt: kindlich-naiver) Umgang mit dem Übersinnlichen, oft wird man in einem Gespräch eine Bemerkung hören wie: "There was that auld hag in our village who had the sight" oder "Ma gran had the second sight", etwas in dieser Art. Vor allem auf den Inseln (sei es nun Skye oder Orkney) hört man oft von Frauen, die mit den Toten kommunizieren können, oder die von zukünftigen Ereignissen träumen. Aber nie ist es ein großen Thema, nie wird viel Trara drum gemacht, es ist einfach Teil der Lebensart: "Hier ist vor 130 Jahren ein Massaker geschehen, sehen Sie dort die Hügel, da wurden 70 Frauen und Kinder bei lebendigen Leibe verbrannt. Schlimme Sache, meine Mutter muss immer einen Umweg in die Stadt fahren, weil sie das Schreien der Geister so irritiert. Und hier vorne sehen Sie die Stelle wo ich mein erstes Schaf geschoren habe, ein richtig Fetter Bock war das, mindestens sooo groß und an die 40 Pfund schwer... "

Reden wir hier nur von der Landbevölkerung (das nächste Kino ist zwei Stunden mit dem Auto, also müssen wir uns Geistergeschichten erzählen)? Nein, natürlich nicht. Einige der interessantesten Gespräche bei denen dieses Thema angeschnitten wurde und von denen ich weiß, fanden in Glasgow City Centre satt (nur 10 Minuten zu Fuß um gleich zwei Multiplex Kinos zu erreichen). Meiner Frau wurde, zum Beispiel, an einem ihrer ersten Abende in der Victoria Infirmary (einem alten, [dank des Namens nicht überraschend] viktorianischen Krankenhauses, wo sie als Krankenschwester arbeitete) sie solle sich nicht erschrecken wenn sie dort drüben abends einen alten Mann stehen sehe, dies sei nur ein ehemaliger Patient, der vor einigen Jahrzehnten dort gestorben sei und noch nicht seinen Weg nach Hause gefunden hatte. Wo das jetzt geklärt sei, wolle man nun die Ausgabe der Medikamente besprechen. Wieder das selbe: Nicht als Horrorgeschichte oder als Vorbereitung für einen gemeinen Trick, erzählte man ihr die Geschichte, nein, nebenbei als Tatsache, als Erklärung für etwas was sie sich andernfalls vielleicht nicht hätte erklären können und damit gut, jetzt geh und mach deinen Job!

Diesem schottischen Lebensgefühl (eigentlich: Totengefühl) können wir natürlich elektronisch nicht gerecht werden, wollen wir auch nicht, denn sonst würden wir Sie um eine vielleicht schöne, aber sicherlich wichtige Erfahrung berauben, wenn Sie dann endlich unseren Drängen nachgeben und Schottland persönlich einen Besuch abstatten. Was wir aber gemacht haben, ist Ihnen einen kleinen Führer über verwunschene, unheimliche und übersinnliche Orte zusammengestellt zu haben. Zwar besprechen wir auch Loch Ness, Edinburgh Dungeon und ähnlichen für den Massentourismus bereinigte Orte, aber eben auch andere Plätze über die Sie vielleicht noch nicht so viel gehört und gelesen haben. Plätze, die Sie auf jeden Fall aufsuchen sollten, aber vielleicht nicht unbedingt ganz allein und vielleicht sollten Sie dort auch nicht all zu lang verweilen, sonst fangen Sie auch noch an Geister zu sehen...

Ein Nachtrag noch: Macbeth ist ein Theaterstück, das historische Ereignisse recht frei wiedergibt (damit sind natürlich nicht die Hexen gemeint, sondern: der historische Macbeth war ein durchaus fähiger König, Banquo bei weitem nicht so ein Unschuldslahm wie Shakespeare uns weismachen will etc.), aber das ändert nicht an der Relevanz des Stückes bezüglich des schottischen Charakter geht. Wer sich für den Mythos Macbeth und seine Relevanz für die heutige (politische) Welt interessiert, dem sei Elke Heidenreichs Buch Macbeth Schlafes Mörder sehr empfohlen. Man muss weder mit ihrer Schlossfolgerung, noch mit ihrer Leseart des Stücks übereinstimmen um vieler ihre Überlegungen stimulierend und treffend zu finden. Das Hörbuch (von der Autorin selbst gelesen) eignet sich hervorragend als Begleitung wenn man Schottland mit den Wagen erkunden will, allerdings müsste man dann auf die Fotos von Tom Krausz verzichten, die in der Buchausgabe Heidenreichs Texte treffend ergänzen und auch die wild-romantische, unheimlich-übernatürliche Seite Schottlands, die ich versucht habe Ihnen hier näher zu bringen, sehr schön einfangen.


Doch nicht Schottland? Unser Tipp: Ferienhaus Mallorca oder Finca Mallorca



Titel dieser Seite: Schottland - ein Reiseführer - die Hexen des Macbeth und das Ungeheuer des Sees
Zusammenfassung dieser Seite: Möchten Sie etwas über ein weiteres Land mit keltischer Vergangenheit erfahren, dann informieren Sie sich doch einfach über Irland - Logo erstellen - Logo gestalten - Firmenlogo erstellen - Schottland, das Land des Nebels, der Highlands und des Whiskys.


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