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Schottland Allgemein:
Kilt
Schafe
Fremdenfeindlichkeit

Der Kilt, oder: Wer hat bei den Schotten die karierte Hose an?

1. Einleitung
2. Was trägt man zum Kilt
3. Was traget man unterm Kilt
4. Welcher Kilt ist der richtige für mich?
5. Alles nur moderne Fälschung?
6. Ein letzter Rat

1. Einleitung

„Sag mal Elfriede, wie hast du deinen Mann denn davon geheilt jedem Weiberrock hinterherzulaufen, dem er über den Weg kommt?“
„Ganz einfach, Uschi, ich hab ihn für zwei Wochen Urlaub nach Schottland geschickt.“

Uralter Witz, als sie den hörte ist meine (deutsche) Oma als junge Frau fast an ihrem Stück Sahnetorte erstickt. Weiß ja auch jeder, oder? In Schottland tragen die Männer Röcke – Schottenröcke!

Vergessen Sie ‚Schottenrock’ ganz schnell wieder! Das Wort, das Sie suchen ist Kilt. Ein Rock ist, auch im schottischen English, ein skirt- ein Kleidungsstück, das (fast, sehen wir mal von sehr modernen Männern ab) ausschließlich von Frauen getragen wird. Ein Kilt ist für Männer – nur für Männer! Es sind bis zu neun Meter Stoff, die um die Hüften gewickelt werden (daher auch die ebenso falsche Bezeichnung ‚Schottischer Wickelrock’), er besteht aus einem wollenen Plaid (eigentlich ‚Decke’) und ist in einem bestimmten Tartan (deutsch: ‚Schottenmuster’ oder ‚Schottenkaro’) gewebt. Ein Tartan spiegelt in der Regel eine Clanzugehörigkeit (aber nicht unbedingt eine bestimmten Nachnahmen) wieder, aber er kann auch als Regimentsfarbe oder politisches Statement getragen werden. Die beiden bekanntestes Tartans, die Ihnen auch außerhalb Schottlands begegnen werden, sind der Royal Steward (rote Grundfarbe gelbe und weiße Linien aber auch grüne und blaue Elemente, wird ironischerweise oft als Hose von Punks getragen, eigentlich das alte Tartan der königlichen Steward/Stuart Familie) und der Black Watch (Regimentstartan, sehr dunkel fast schwarz - eigentlich blau und grün, dürfte theoretisch nur von Mitgliedern des 42nd Royal Highland Regiment on Foot getragen werden).

2. Was trägt man zum Kilt?

Essentiell (sowohl aus stilistischen wie auch aus praktischen Gründen) ist der Sporran, ein Beutel, der um die Taille getragen wird und etwa da hängt, wo bei einer Hose der Reisverschluss ist. Tagsüber ist dies in der Regel eine einfache Ledertasche, vielleicht mit etwas Fell verziert, aber zu feierlichen Anlässen kann der Sporran auch mal ein halber Dachs sein, verziert mit Silber (alternativ bietet sich auch spät abends an, den Sporran mit einer Wärmeflasche zu vertauschen und so potentiellen Frostbeulen entgegenzuwirken). Oft wurde ich gefragt, wenn ich im Kilt unterwegs war, was ich denn in meinen Sporran hätte – seltsam, denn ich hätte gedacht, dass das recht offensichtlich ist. Die Schotten haben genug Probleme den Rest der Welt davon zu überzeugen, dass sie keine Frauenkleidung tragen, da wäre eine Handtasche sicher nicht sonderlich hilfreich, oder? Nun hat der Kilt aber keine Taschen, wohin also mit Geldbörse, Papieren, Haus- und Autoschlüssel, Flachmann und Elektroschocker (letztes wenn jemand mal wieder nachgucken will, was der Schotte unterm Kilt trägt, siehe unten)? Klar in den Sporran! Das gälisch Wort Sporan (mit einem R) heißt dann auch nichts anderes als ‚Geldbeutel’.

Als nächstes wäre da der Kiltpin – entweder eine übergroße Sicherheitsnadel oder eine Art Brosche, oft in der Form eines Schwertes. Der Kiltpin wird am unterem Drittel des Kilts getragen und durchsticht den obersten Stofflappen – nicht mehr! Der Kiltpin geht auf Königin Victoria zurück. Die neunfache Mutter und vierzigfache Großmutter war recht prüde und machte sich Sorgen, dass ein Mann im Kilt, der tanzt, marschiert oder rennt vielleicht zuviel Bein, das heißt Oberschenkel, zeigen würde, deshalb befahl sie, dass die sich überschneidenden Wolllappen von einer Sicherheitsnadel zusammengehalten werden sollen. Die Schotten waren innerlich zerrissen, zum einen wollten sie den Befehlen ihrer Königin folgen, zum anderen wollten man nicht die typische Bewegung des Kilts ruinieren (the swing of the kilt – hätte Victoria hier ihren Willen bekommen sähen die Schotten heute so aus als trügen sie einen zu engen Minirock). Man(n) entschied sich für einen Kompromiss, akzeptierte den Kiltpin und stellte sicher, dass dieser nie etwas zusammen’pinnen’ würde.

Als nächstes hätte wir dann das sgian dubh (kann man auf verschiedene Weise schreiben, aber spricht man immer ungefähr so aus: ski en du) – das Kiltmesser, oder wörtlich übersetzt: der schwarze Dolch, klingt ein bisschen wie einer von Scotts Waverley-Romanen, oder? Die populärste Theorie zu den Ursprüngen dieser Waffe ist, dass Schotten früher oft mit einen versteckten Dolch rumliefen und beim Betreten eines befreundeten Hauses aus Höflichkeit all ihre verborgenen Waffen offenbarten – den Dolch steckten sie sich dann oben in den Strumpf, dort findet man den sgian dubh dann heute noch. Alternativ ist es einfach eine Art Taschenmesser, das vor allem zum Häuten von Wild gebraucht wurde, da der Kilt keine Taschen hatte, steckte man sich die Jagdwaffe in den Strumpf. Das sgian dubh ist heute nur noch Dekoration, obwohl eine Seite des Dolches noch immer die geriffelte Klinge eines Jagdmessers aufweist. In der Regel wird er an der rechten Außenwade getragen, eine a-historische Version nach wandert der Dolch zur Innenwade, wenn sich ein Clan in einer Fehde befindet.
Als nächstes wären da die Wollstrümpfe, die mit einem Strumpfhalter hochgehalten werden an dem kleine Stopffähnchen (flashes) hängen. Die Strümpfe gehen bis knapp unters Knie, während der Kilt bis knapp übers Knie geht – so dass alle Körperpartien, die frieren können, eigentlich gut bedeckt sind. Die Rolle der Strumpfhalter sollten Sie nicht unterschätzen, zwar sind sie in unserer heutigen Zeit nicht mehr nötig, um die Strümpfe hochzuhalten, wohl aber um das sgian dubh zu fixieren – sollte sich der Dolch beim Stehen plötzlich in ihren Knöchel bohren, oder beim Tanzen ihre Partnerin gegen den Kopf fliegen, wissen Sie, dass die Strumpfhalter nachgezogen werden müssen. Am häufigsten werden Sie weiße Strümpfe mit roten flashes sehen, aber je nachdem welcher Tartan getragen wird, sind andere Kombinationen durchaus üblich (zum dunkelgrünen Campbell Tartan trage ich in der Regel grüne Strümpfe mit Tartan flashes), ja sogar erwünscht, da weiße Strümpfe in manchen Kreisen als ordinär empfunden werden (stellen Sie sich weiße Tennissocken zum Anzug vor). Interessant ist vielleicht noch, die Tatsache, dass – obwohl, das weibliche Geschlecht mit seinen Push-up und Wonderbras als eitel bezeichnet wird (natürlich nicht von mir, ich habe da viel zu viel Angst vor meiner Frau) - die Schotten von vor über hundert Jahren eine ähnliche Mogelverpackung nutzten. Die Strümpfe waren nämlich nicht nur zum Wärmen der Beine gedacht, sondern auch um die anschnallbaren, falsche Waden zu verdecken, die man sich damals kaufen konnte um männlichere Beine zu haben (wohlgeformte Waden ist anscheinend ein Zeichen für Männlichkeit – schade!).

Damit ausgerüstet haben Sie jetzt alles Essentielle, über die Zeit gibt es dann noch Möglichkeiten der Erweiterungen, Gürtel, verschiedene spezielle Schuhe, Oberteile für jede Gelegenheit und sogar Mützen – entweder Militärschiffchen oder Barett mit Wollbommel.

Als einziges sollten Sie sich merken, das Tartan unter die Gürtellinie gehört, soll heißen wenn Sie sich chic machen, wählen Sie bitte eine Fliege und nicht eine Tartankrawatte aus.

3. Was traget man unterm Kilt?

Das sollte natürlich das ultimative Geheimnis bleiben, aber ich werde es Ihnen trotzdem verraten. Warum? Weil schon unzählige klamme und vor allem kalte Hände (weibliche, wie auch männliche – und um ehrlich zu sein waren mir die männlichen lieber – die hatten wenigstens kürzere Fingernägel) meinen Oberschenkel hochgewandert sind um eine Antwort auf diese Frage zu finden. Auch waren mir schon einige Marilyn Monroe-Momente vergönnt, in denen mein Kilt plötzlich hochflog (nur war es kein Luftschacht, sondern wieder diese bösen Hände).

Also die Antwort ist: Nichts! Gar nichts!

Das ist, wenn Sie mal einen Moment drüber nachdenken, gar nicht mal überraschend – stellen Sie sich doch einfach mal einen Schotten mit Blasenentzündung vor (beim schottischen Wetter sicher keine Seltenheit), da ist des öfteren schon mal Eile geboten ist und freie Hände! Sporran aus den Weg gedreht, die Wollen hoch gerafft und hoch gehalten und mit der Leithand das Ziel anvisiert – da sind einfach nicht genug Hände! Zwei Möglichkeiten, man fragt um Hilfe (‚Könntest du eben mal halten?’) was Männer (egal welcher Nationalität) ja eh nie tun, oder man versucht die schwere Wolle (noch viel schwerer wenn nass) mit den Zähnen festzuhalten – ein höchst unappetitliches Kunststück.

Bevor Ihre nächste Frage Ist das denn nicht kalt? ist, denken Sie bitte einen Moment nach: Zum einem isolieren die Wollmassen um die Hüften ganz gut und zum anderen hat die gemeine Baumwollboxershorts ja nun wahrlich keine thermischen Superkräfte, die den Unterschied zwischen einen glücklichen Schotten und Frostbeulen ausmachen (diese Superkräfte hat nur der Whisky!).

Wird die Sache mit dem nichts drunter tragen Ernst genommen? Relativ, und ehe aus den oben angeführten praktischen Überlegungen heraus als aus tiefer kultureller Überzeugung. Auch gibt es natürlich durchaus akzeptierte Ausnahmen, wie zum Beispiel, wenn man einen geliehener Kilt anhat oder während der Teilnahme an den Highland Games – da ist es ja schon fast vorprogrammiert, dass der Kilt hochfliegt (warum die meisten Sportler aber denn darauf bestehen ein kleines quietschblaues Badehöschen als Unterwäsche der Wahl zu tragen, bleibt aber weiterhin eins der großen Rätsel unserer Zeit).

Dennoch können Sie sich auch davon überzeugen, dass dies nicht immer so lasch gehandhabt wurde. Wenn Sie Sich alte Garnisonen anschauen in denen früher schottische Regimenter stationiert waren, dann können Sie teilweise noch immer die Unebenheiten im Boden erkennen in denen früher ein Spiegel eingelassen war. Ein Spiegel? Da mussten die Soldaten rübermarschieren und der Sergeant konnte so überprüfen, ob sie wirklich nichts unter dem Kilt trugen – denn sollten die Jungs etwa doch noch einen Schlüpfer übergestreift haben, war dies ein Vergehen gegen die Vorschriften und wurde genauso bestraft, wie wenn man sich ein Hawaiihemd an Stelle der Uniformjacke übergestreift hätte.

4. Welcher Kilt ist der richtige für mich?

Gut, Sie wollen einen Kilt tragen! Aber welchen? Die kurze Antwort ist einfach: Suchen Sie sich einen Tartan aus, der Ihnen gefällt. Das ist zwar technisch gesehen nicht ganz korrekt, aber es wird Ihnen garantiert niemand böse sein – der normale Schotte freut sich einfach, dass Sie seine Kultur so interessant finden, der Verkäufer freut sich über die paar hundert Euro mehr in der Kasse und Sie freuen sich, dass Sie Besitzer eines so männlichen Kleidungsstück geworden sind. Eine win/win Situation.

Natürlich wird es einige (wenige) Puristen geben, die meckern werden. Der Tartan symbolisiert Clanzugehörigkeit, sollte also nach Familienname ausgewählt werden, bzw. nach direkter Linie der Vorfahren. Das ist in sofern zu berücksichtigen sollte Ihr Name z.B. Herr MacDonald aus Buxtehude sein, dann könnte ich Ihnen wirklich nicht guten Gewissens empfehlen das schicke Grün der Campbell Erbfeinde zu tragen, aber wir nehmen mal an, dass dies wohl ehe nicht der Fall ist. Selbst wenn Sie einen schottischen Namen tragen sollten, macht das die Sache nicht unbedingt einfacher, denn es gibt verschiedene branches eines Clans, die durchaus unterschiedliche Tartans haben können. Nehmen wir als Beispiel den Clan Campbell: Campbell of Argyll ähnelt dem Black Watch Tartan, während Campbell of Cawdor noch rote und blaue Linien besitzt. Um die Sache noch mehr zu verkomplizieren hat einer der Vorfahren des Dukes of Argyll (das Clanoberhaupt) noch gelbe Linien seinem Tartan zugefügt. Also genügt es nicht nur Campbell zu heißen, nein Sie müssen auch noch wissen, ob Ihre Vorfahren aus Argyll oder Cawdor stammen, bzw. wie weitläufig Sie mit dem Duke verwandt sind. Auch gibt es die Möglichkeit in unzähligen Büchern nachzuschlagen um zu sehen ob Ihre Familie vielleicht mit einem bestimmten Clan associated ist und so dessen Tartan tragen darf – so dürfen Sie, sollten Sie Thompson mit Nachname heißen, auch ganz offiziell den Campbell of Argyll Tartan tragen (bitten entschuldigen Sie, dass ich immer die Campbells als Beispiel heranziehe, aber da kenne ich die meisten Verbindungen sicher und muss nicht erst besagte unzählige Bücher durchsuchen um Ihnen ein echtes Beispiel liefern zu können). Selbst wenn Sie das Glück haben und mit dem richtigen Nachnamen und Stammbaum ausgestattet sind, bleibt Ihnen immer noch die Qual der Wahl, immer noch mehr Entscheidungen müssen gefällt werden: Von vielen Tartans gibt es dress (soll irgendwie schicker sein, für abends gedacht), hunting (die Farben sind gesetzter und dunkler, damit das Wild den Jäger nicht schon von Weitem in seinem strahlend roten Kilt kommen sieht) und ancient (heißt ja wörtlich ‚alt/altertümlich’ und ist offensichtlich die modernste Variante, praktisch retrochic – so sahen vielleicht die Farben bei unseren Vorfahren aus) Variationen.

Sollten Sie aus Ermangelung des richtigen Nachnamen und aus Angst vor den Pedanten eine andere Lösung suchen, so könnten Sie natürlich auch einfach der Armee beitreten, oder an ausgesuchten Universitäten studieren, beides berechtigt sie zu Tragen eines bestimmten Tartans. Einfacher ist das unterstützen von einem der beiden großen Glasgower Fußballclubs, die ihre eigenen Fantartans rausgegeben haben (dies würde schon fast einem politischen oder religiösen Statements gleichkommen – da fällt mir ein, ein Pfarrer der Church of Scotland könnten Sie auch werden – deren Tartan sieht Black Watch recht ähnlich). Dann hätten wir noch Jacobite (definitiv politische Untertöne hier) und Caledonian anzubieten, beide ganz spezifisch für clanlose Schotten entwickelt. Oder wie wäre es mit Balmoral, der wurde immerhin von Prinz Albert konzeptioniert und der war Deutscher. Wie Sie sehen leben wir in einer Welt wo es für alles und jeden einen Tartan gibt, so dass strenge Regeln wirklich nicht mehr guten Gewissens aufrechterhalten werden können. Sollte Ihnen trotzdem einmal jemand dumm kommen, fragen Sie ihn ob er die Sobieski Stuarts kennt, das waren zwei Brüder, die mit einem nachweislich gefälschten Manuskript im frühen 19. Jahrhundert, die Clantartans eingeführt haben. Ursprünglich zeigte ein Tartan nämlich nur an aus welcher Region Schottlands der Träger kam, d.h. nur die regional vorkommenden Rohstoffe wurden zur Färbung verwendet, was dann halt jeden Kilt einen lokalen Charakter gab – die eigentliche Familienzugehörigkeit wurde durch das Tragen einer Pflanzenzweigs (meist an der Mütze) signalisiert. Nun sei aber der Fairness halber erwähnt, dass damals die meisten Leute, die in einer Region lebten, wahrscheinlich eh miteinander verwandt waren.

Liebe Leserinnen, lassen Sie es mich bitte noch einmal wiederholen: Den Kilt sollte nur der Mann tragen. Bitte halten Sie sich daran, sonst erscheine ich bei unserem nächsten Kaffeekranz im Dirndl – garantiert kein schöner Anblick.

Aber, dies soll Sie natürlich nicht davon abhalten auch Tartan zu tragen – knöchellange (oft sehr enge) Tartanröcke, sind genauso üblich wie lose Miniröcke (sollten aber nur getragen werden wenn man die Beine dafür hat. Ein Punkt, den Schottinnen gerne zu ignorieren scheinen). Auch gibt es den etwas unglücklich benannten Lady’s Kilt – etwa von gleicher Länge wie ein Kilt, ebenfalls pleaded (also hinten gefaltet), aber aus deutlich wenig Stoff gemacht. Hier spielen die oben beschriebenen Regeln der Tartanauswahl keine Rolle, denn diese gelten nur für den Kilt der Männer, ihre Clanzugehörigkeit drückt eine Frau im Allgemeinen mit einer Sash (Schärpe) aus. Was Sie unter Ihrem Rock tragen, ist in diesem Fall natürlich Ihnen selbst überlassen.

5. Alles nur moderne Fälschung?

Die Idee, dass ein Tartan eine Familien- bzw. Clanzugehörigkeit ausdrückt geht auf das Vestiarium Scoticum zurück, ein angeblich altertümliches Manuskript, das sich – bei genaueren Hinsehen – als 150 Jahre alte Fälschung erweist.

Doch nicht genug der Erniedrigung, Zyniker behaupten, dass das schottischste aller Kleidungsstücke eigentlich eine englische Erfindung ist – stimmt und stimmt nicht. Die Geschichte ist folgende: Englische Fabrikbesitzer waren so entnervt, dass ihre schottische Arbeiter in ihren traditionellen Gewändern (stellen Sie sich eine Tartan Wolldecke vor, die als lose gegürtete Toga getragen wird) sich oft mit ihren Kleidungsstück in den Maschinen hängen blieben – und entweder schwer verletzt wurden oder plötzlich nackt in der Fabrikhalle standen. Also entschied man sich, Oberteil und Unterteil der Toga voneinander zutrennen und so die Menge von Stoff (und so Unfallmöglichkeiten) zu verringern. Die Tradition Tartan zu tragen geht wesendlich weiter zurück, das älteste Stück Stoff, welches das typische Muster aufweißt, ist der heute im National Museum of Scotland aufbewahrte Falkirk Tartan aus dem Jahre 250 (nach Christus). Auch hier werden einige Miesepeter wieder meckern, dass dies nicht historisch belegbar ein Kleidungsstück war, nicht unbedingt typisch für Schottland gewesen sein muss, die Farben zu verwittert sind um einen ‚echten Tartan’ (was immer das ist) zu erkennen und vieles mehr. Mag auch alles richtig sein, aber wirklich wichtig finde ich das nicht. Wichtig ist doch viel mehr, was der Kilt den heutigen Schotten bedeutet, wenn sie ihn anziehen, tragen sie ihn zu Ehre ihrer Heimat, als Andenken an ihre Vorfahren und all den anderen braven Männer, von denen sie glauben, dass sie einen Kilt trugen (oder getragen haben sollten). Hier zählt gefühlte Geschichtlichkeit, und nicht die kalten Fakten aus einem Buch. Ich weiß ja auch, dass Sternschnuppen einfach nur Steine sind, die beim eintreten in die Erdatmosphäre verglühen, trotzdem wünsch ich mir was, wenn ich eine sehe!
Abschließend sei noch bemerkt, dass einer der Hauptgründe, warum so viele neue alte Traditionen erfunden oder entwickelt (suchen Sie sich aus, welches Wort Sie passender finden) werden mussten, folgender ist: Nach den letzten großen Aufstand von 1745/46 hat die britische Regierung (England und Schottland waren seit 1707 in ein gemeinsames Königreich übergegangen) alles was sie als typisch schottisch empfand (eigentlich: typisch schottisches Hochland) verboten: Das tragen von Tartan, das Sprechen von Gälisch und sogar das Spielen des Dudelsacks (letzteres nicht unbedingt eine schlechte Idee). Dieses Verbot galt für gut 100 Jahre (bis Walter Scott alles Schottische wieder populär machte), genug Zeit um vieles zu vergessen! Soll also heißen: Auch wenn vieles nicht so alt und traditionell ist, so geht es doch auf sehr alte Traditionen zurück, Traditionen, die so schottisch waren, dass sie unterdrückt werden mussten.

6. Ein letzter Rat zum Kauf eines Kilts

Nun, wir kennen uns zwar nicht besonders gut, aber da Sie sich jetzt durch meinen Text gequält haben, sind Sie mir doch irgendwie ans Herz gewachsen, weswegen ich mich jetzt im Vertrauen an Sie wende.

Die größte Versuchung einen Kilt oder auch etwas in Tartan zu kaufen wird Sie zweifellos in Edinburgh heimsuchen, dort sind mehrere Quadratkilometer ums Schloss verteilt unzählige Geschäfte, die darauf spezialisiert sind ausländische Besucher von ihrer Urlaubskasse zu trennen. Seien Sie gewarnt, die Preise enthalten eine ‚Touristensteuer’, so viel für Material, das zu meist in China produziert wurde, zahlen Sie sonst nirgends wo in Schottland.

Des weiteren, obwohl ich zu meinem Ausspruch stehe, dass es im Prinzip egal ist für welchen Tartan Sie sich entscheiden sollten, habe ich doch Probleme mit den Geschäftspraktiken, die einige Geschäfte dort haben. Vor einigen Jahren erzählte mir eine damalige Mitstudentin, die in einem Touristengeschäft jobbte, dass sie ganz klar von ihrem Chef angehalten wurde zu lügen. Dies bezog sich zu meist auf amerikanische Touristen und lief - übertrieben ausgedrückt - etwa so ab:
„Wie war Ihr Name noch mal?“
„Mister und Misses Jablauski aus Texas.“
„Ah, Jablauski, einen Moment bitte.“
Verkäufer verschwindet ins Hinterzimmer, trinkt erst mal in Ruhe einen Schluck Tee.
„Mister Jablauski? Ich habe gerade in unseren Unterlagen nachgeschlagen und Sie haben Glück! Die Jablauskis stammen vom Clan MacYablau ab, der den McAlistair Tartan trägt. Das ist ein recht seltener Tartan, aber zufällig haben wir noch einige Stücke da. Lassen Sie mich Ihnen diese mal zeigen...“
So was finde ich einfach unmoralisch. Deshalb, sollten Sie also Edinburgh besuchen und den Zwang zum Kilt kaufen verspüren, empfehle ich Ihnen stattdessen ein wenig weiter zu laufen und stattdessen bei Anderson’s, einen recht guten Secondhand-Laden, der zu meist ein großes Sortiment von echten (soll heißen in Schottland geschneidert und aus schottischer Wolle gewebte) Kilts hat. Für das Geld, das Sie so sparen, gehen Sie lieber schön essen und schicken uns eine Postkarte.



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Zusammenfassung dieser Seite: Möchten Sie etwas über ein weiteres Land mit keltischer Vergangenheit erfahren, dann informieren Sie sich doch einfach über Irland - Logo erstellen - Logo gestalten - Firmenlogo erstellen - Weiß ja auch jeder, oder? In Schottland tragen die Männer Röcke – Schottenröcke! Vergessen Sie ‚Schottenrock’ ganz schnell wieder! Das Wort, das Sie suchen ist Kilt. Ein Rock ist, auch im schottischen English, ein skirt- ein Kleidungsstück, das (fast, sehen wir mal von sehr modernen Männern ab) ausschließlich von Frauen getragen wird. Ein Kilt ist für Männer – nur für Männer




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