Schottland Allgemein        Literatur   
Schottland Allgemein:
Kilt
Schafe
Fremdenfeindlichkeit

5 Dinge über Schafe, die Sie wahrscheinlich nie wissen wollten, ich Ihnen aber trotzdem erzählen werde

Haben Sie Der Medicus gelesen? Das war vor einigen Jahren der Roman, den man gelesen haben muss - also praktisch der Harry Potter/Da-Vinci-Code/Hannibal/Der Name der Rose seiner Zeit. Ich ging damals noch zur Schule und einige von uns warteten fieberhaft darauf, dass das Buch endlich als erschwingliches Taschenbuch erscheinen würde – alle (irgendwie waren wir plötzlich sehr viele in der Klasse, die lasen – muss wohl was mit dem anstehenden Abitur zutun gehabt haben), außer Carsten, der ließ sich auf die Warteliste der Leihbücherei setzen und bekam so die gebundene Ausgabe geliehen, die er dann brav 6 Wochen lang im Schulbus las. Eines Tages also, wollen wir nun endlich zum Thema Schottland kommen, nahm mich Carsten zur Seite und zeigte (vielleicht etwas böse grinsend, obwohl er eigentlich ein dufter Kerl war) auf eine Stelle im Medicus – hier wurden die Schotten als (bitte endschuldigen Sie das Wort, ich zitiere nur und verspreche zugleich, den Rest dieses Artikels definitiv schimpfwortfrei zu halten!) Schafficker bezeichnet. Das ist keine besonders originelle Beschimpfung, dasselbe wurde auch schon über die Waliser und Iren gesagt und in Schottland hört man es oft über die Bevölkerung von Ayrshire ausgestoßen, aber damals dachte ich: Na toll, da weiß ich ja was auf mich zukommt. Das kam dann auch auf mich zu – fast ein halbes Jahr von Schafwitzen! Von einem kurzen Ba-ahhh als Begrüßung, bis hin zu heftigeren (und viel wichtiger: nicht besonders lustigen) Sprüchen, die selbst den Witzseiten einschlägiger Männermagazine die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätten.

Das alles bringt uns natürlich zu der Frage: Schotten und Schafe - Was muss ich da wissen?

1. Schafe in Schottland laufen frei rum, sie sind nicht eingezäunt!

Die niedrigen Steinmauern, die so aussehen als ob sie den nächsten Winter nicht überstehen würden, wahrscheinlich aber schon seit Bonnie Prince Charlies Zeiten unverändert Wind und Wetter (und übermütigen Wanderern) trotzen, sind bedeutungslos. Lassen Sie sich nicht täuschen, wiegen Sie sich nicht in falscher Sicherheit, wenn Sie ein Schaf auf der anderen Seite des Zauns sehen – das heißt nicht, dass Sie nicht nach wenigen Schritten auch auf Ihrer Seite auf ein Schaf (vielleicht sogar dasselbe Schaf!) treffen werden. Wenn Sie mal Langweile in Schottland haben sollten (dann haben Sie unser Webpage nicht richtig gelesen!) folgen Sie doch einfach mal einer dieser Steinmauern! Das kann schon sein, dass diese Sie einige Kilometer lang begleitet, aber irgendwann (meist Mitten im Nirgendwo, wenn der Scotch Mist Ihre Regenjacke richtig durchnässt hat und Sie sich mindestens zweimal den Fuß umgekickt haben) wird diese Mauer einfach aufhören. Sie wird nicht eingerissen sein, nicht von einem Erdbeben zerstört oder einer Sinnflut weggespült worden sein, nein, es wird ehe so aussehen, als ob es four o’clock war, als die Erbauern an dieser Stelle ankamen und nach Hause zum tea gingen.

2. Ich sagte gerade, dass Sie sich ‚nicht in falscher Sicherheit wiegen’ sollen, wenn Sie eine Mauer zwischen sich und den Schafen sehen.

Will ich damit andeuten, dass Schafe gefährliche Bestien sind, die am besten eingesperrt gehören? Die schottischen Werschafe, entfernte Verwandte des Haggies, die jährlich mehr ahnungslose Wanderer morden als Nessie Schwimmer in die dunklen Tiefen ihres Lochs zieht? Nein, natürlich nicht!

Nehmen wir mal an Sie sind mit den Wagen unterwegs, um die Highlands zu erkunden. Die Strasse, welche auf Ihrer Karte dick und fett eingetragen ist, stellt sich als schmaler Grad raus, den selbst eine Gams mit Sonderausbildung bei den Schweizer Gebirgsjägern nur widerwillig beschreiten würde. Nur die Einbuchtungen rechts und links der Strasse weisen drauf hin, dass Sie a) auf einer echten Strasse sind und b) jeder Zeit Gegenverkehr Sie zu riskanten Manövern im Rückwertsgang zwingen kann. Eine Strasse also, die man schnell verlassen will. Beim nächsten Hügel schnell geguckt, kein Gegenverkehr. Blick nach rechts und/oder links, da gibt’s Schafe, die stehen aber als blökendes Knäuel hinterm Zaun. Also Fuß aufs Gas und... schon bläst die Lüftung blutige Wollfetzen ins Innere des Wagens. Das ist dann Ihre Schuld! Egal, wie sehr Sie schwören, dass das Vieh mit Selbstmordabsichten im Straßengraben gelauert hat, um sich dann zum rechten Zeitpunkt vor Ihren Kühler zu werfen. Schafe haben in Schottland immer Vorfahrt! Kein Scherz.

Sollten Sie also Punkt 1 und 2 ignoriert haben, oder sollte (und das kommt nun mal vor und da wird auch kein großes Aufsehen wegen gemacht) Ihnen aus einen anderen Grund ein Unglück mit einem Schaf passiert sein, ist die korrekte Prozedur folgende:
Ihre Aufgabe ist es nun den Besitzer des Schafes ausfindig zu machen (zu meist der Bewohner des am nächsten gelegenen Hauses, das aber oft gar nicht so leicht zu finden ist – folgen Sie nicht irgendwelchen Mauern in der Hoffnung zum nächsten Bauernhof zu kommen, weil – siehe oben!), ihm vom Malheur zu berichten und für das Schaf zu bezahlen. Danach sind Sie und der Bauer wieder beste Freunde und Ihr Abendessen ist auch schon gesichert.

Treten Sie nach einen Unfall das tote Schaf nicht in den nächsten Graben und fahren weiter als ob nichts passiert ist – dieses Benehmen wird nicht toleriert und kann durchaus unschöne Konsequenzen nach sich ziehen.

3. Schafe sterben und das nicht nur wenn man ihre gerade besprochene Vorfahrt missachtet.

Sollten Sie also beim Wandern geschickt über eine Felsmauer springen und neben einem Schafkadaver landen besteht kein Grund zur Panik. Sie müssen nicht zum Bauern rennen (mit all den oben besprochenen Problemen) und ihm von der Highland Bestie erzählen, die seine Schafe heimlich abschlachtet (irgendwo müssen die Werschafe ja herkommen). Auch handelt es sich hier nicht um eine neue unheimliche Seuche (in der Regel jedenfalls, Bluetongue disease hat Großbritannien in 2007 schon etwas überrascht), Schafe sterben aus einer Vielzahl von Gründen und es ist einfach nicht praktisch sie zur Farm zurückzubringen und dort zu verbrennen, man lässt sie einfach dort, wo sie gestorben sind und das raue Klima sorgt binnen eines Jahres für ein sauberes Skelett. Schafschädel werden Ihnen auch des öfteren begegnen. Also: Keine Panik wenn Sie tote Schafe sehen oder sie aus Versehen berühren, sich eine Krankheit einzufangen ist mehr als unwahrscheinlich. Zwei Dinge sollten Sie allerdings beachten: Erstens, wenn Sie Kinder dabei haben (oder Studenten) achten Sie darauf, dass diese frischen Kadavern nicht zu nahe kommen, ein mit Fäulnisgasen gefüllter Leichnam kann explodieren, wenn man ihn unaufhörlich mit einen Stock pickst. Zweitens, sollten Sie immer etwas Whisky dabei haben. Stellen Sie sich mal folgendes Szenario vor: Sie haben sich endlich überwunden, das braune, etwas komisch riechende Wasser zu trinken, das hier überall in kleinen Rinnsalen durch die Heide fließt. Ihre schottischen Freunde haben Ihnen ausgiebig erklärt, dass dies das frischste und sauberste Wasser in ganz Schottland ist (die braune Farbe kommt vom Torf, durch den das Wasser gefiltert wird). Also gut, Sie haben gerade einen Schluck genommen (etwas starker Geschmack schon, aber richtig erfrischend), wandern weiter und finden etwas stromaufwärts ein totes Schaf im Wasser schwimmen. Es besteht kein Grund zur Panik! Ihnen wird nichts passieren! Aber es ist trotzdem irgendwie beruhigend, wenn man sich kurz den Mund mit dem Hochprozentigen ausspülen kann.

4. Schottland ist nicht das Land mit den meisten Schafen pro Einwohnern.

(Diese ‚Ehre’ geht an Neuseeland – sagen Sie nicht Sie würden hier nichts lernen!)

5. Während andere Völker Prophezeiungen haben über das baldige Kommen von Helden und Erlösern oder über die Dauer und Blühte ihrer Nation, haben die Schotten Prophezeiungen über Schafe!


The sheep shall eat the men, sagte Kenneth the Sallow vorher. The Brahan Seer (wie er auch genannt wird), lebte Anfang des 17. Jahrhunderts, und ,obwohl seine Existenz bezweifelt werden kann, haben doch einige seiner (angeblichen) Weissagungen überlebt und sind noch heute weitverbreitet (so hat er zum Beispiel auch die Schlacht von Culloden, das Öl der Nordsee und den Caledonian Canal kommen sehen).
The sheep shall eat the men – also doch Werschafe? Nein, hinter den recht witzig anmutenden Worten verbirgt sich, sollte man der modernen Interpretation des Verses glauben, eins der dunkelsten und traurigsten Kapitel in der Geschichte Schottlands. Denn es gab eine Zeit in der Schafe für Tod und Vertreibung hunderter, nein tausender Schotten verantwortlich waren!
Lassen Sie uns über die Highland Clearances reden. Anfang des 18. Jahrhunderts und dann in einer zweiten Welle hundert Jahre später wurde die arme Bevölkerung der Highlands gewaltsam von ihren kleinen, gepachteten Farmen vertrieben, entweder in die Lowlands oder sie wurden gleich auf Emigrantenschiffe geprügelt, welche Richtung Kanada in See stachen (und oft mehr Leichen, als lebende Passagiere dort abluden). Da viele der Klein- und Kleinstbauern Gälisch-sprechend waren, nennt man diesen Vorgang auch Fuadaich nan Gaidheal (die Vertreibung der Gälen). Diese Periode sieht auch den Zusammenbruch des Clansystems, denn es sind die Clan Chiefs, die sich nun als Großgrundbesitzer aufführen und ihre kinsmen, ihre Schutzbefohlenen, ihr eigen Fleisch und Blut vom Land vertrieben. Warum? Na, des Geldes wegen natürlich. Die Landbesitzer hatten erkannt, dass es profitabler ist, statt Bauern das widrige Land bestellen zu lassen, einfach Schafe drauf grasen zu lassen. Und so wird 1792, ein besonders brutales Jahr was Vertreibungen angeht, noch heute in einigen Geschichtsbüchern Das Jahr des Schafes genannt.

Denken Sie daran, wenn Sie in den Highlands den Schafen begegnen. Wegen dieser Tiere wurde eine Lebensart vernichtet – das Clansystem war zerstört, der aus den Clearances-resultierende Rückgang der Bevölkerungszahlen ist noch heute zu spüren und das Gälische ist (trotz aller gegenteiliger Bemühungen) eine tote Sprache.
Aber irgendwie niedlich sind die Tierchen ja trotzdem...


Sind Sie in Gedanken immer noch beim Medicus? Also gut, enden wir diese kleine Aufzählung mit einer Anekdote, aber sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt!

Wie Sie vielleicht wissen, war Glasgow eine der ersten Städte in Großbritannien, die ein Elektronenmikroskop hatten und 1975 ist hier sogar eine neue Virenfamilie entdeckt worden (die sogenannten Astroviridae). Seitdem gibt es eine enge Zusammenarbeit zwischen den Virologen der University of Glasgow und den Ärzten der Glasgower Krankenhäusern, oft, wenn es den Ärzten gelungen ist, besonders schöne Aufnahmen von Viren zu machen, rufen sie die Virologen herbei, um anzugeben. Folgende Begebenheit, also, erzählte mir ein Virologieprofessor vor einigen Jahren (ich sollte Sie vielleicht warnen, dass der Mann eine frappierende Ähnlichkeit hatte mit Monty Pythons Eric Idle):

„Man zeigte mir eine schöne Aufnahme eines Parapoxviruses und ich erkannte sofort, dass es sich um den Orf Virus handelte, der eine extrem schmerzhafte Pustelbildung bei Schafen und Ziegen auslöst. Nun wollte ich ein wenig angeben und fragte die Ärzte: Von einem Patienten? Sie bejahten. Das Virus kann auch Menschen befallen, wenn sie engen Kontakt mit Tieren haben, also war meine nächste Frage: Der Patient war ein Schaefer? Wieder bejahten die Ärzte. Also gut, dachte ich, jetzt mach sie fertig und fragte: Von einer Pustel an seiner Hand isoliert? Plötzlich grinsten die beiden Ärzte übers ganze Gesicht und sagten: Von einer Pustel schon, aber es war nicht wirklich ein Finger...



Titel dieser Seite: Schafe in Schottland
Zusammenfassung dieser Seite: Möchten Sie etwas über ein weiteres Land mit keltischer Vergangenheit erfahren, dann informieren Sie sich doch einfach über Irland - Logo erstellen - Logo gestalten - Firmenlogo erstellen - Schafe in Schottland laufen frei rum, sie sind nicht eingezäunt! Die niedrigen Steinmauern, die so aussehen als ob sie den nächsten Winter nicht überstehen würden, wahrscheinlich aber schon seit Bonnie Prince Charlies Zeiten unverändert Wind und Wetter (und übermütigen Wanderern) trotzen, sind bedeutungslos.




Der Kilt, oder: Wer hat bei den Schotten die karierten Hose an? [Mehr]